"Wir haben verloren. Das bleibt"

 

 

Am 12. Mai 1982 stand mit dem Glarner René Botteron in den Farben von Standard Lüttich erstmals ein Schweizer Fußball-Professional in einem europäischen Pokalfinale. Heute schaut er sich Fußballspiele nur noch im Fernsehen an. 

 

René Botteron, in ausgebeulten Jeans, Sweatshirt und heller Windjacke, der Zweite von rechts, in der Hand eine Plastiktüte; er trägt das Haar kürzer als noch vor einem Jahr in Köln. Mit zugekniffenen Augen blickt er in die Ferne, Gesicht und Oberkörper Standard-Trainer Raymond Goethals abgewandt, den er in diesem Augenblick des Wartens mit der Schulter berührt und dessen Mantelflügel um die Plastiktüte spielt, die Botteron mittig faßt, wie einen gebundenen Blumenstrauß. 

Botteron wirkt, als ob ihn das Kerosin in der Nase reizte. Durch den bedeckten Frühlingshimmel fällt fahles Licht auf das Lütticher Flughafengelände. Die beiden haben eingecheckt, stehen wieder im Freien, der bestimmt schon herannahende Bus wird sie zur Maschine und den anderen Spielern bringen. 

Es ist dieses im Brüsseler "Le Soir" veröffentlichte Foto, darunter ein längerer Vorbericht, der von erheblicher landesweiter Vorfreude, einer undeutlichen, über das Endspiel im europäischen Pokalsieger-Wettbewerb gegen den FC Barcelona hinausgreifenden Hoffnung zeugt; es ist dieses grobgerasterte Schwarzweißfoto, das ich im Reflex wie bekenntnishaft auf den mit Jeans und blauem Adidas-Pullover gekleideten Fünfzehnjährigen wende, der ich zu jener Zeit war, dann auf den Elfjährigen, der den gefeierten Nationalspieler Botteron mit kindlich vergleichender Distanz begleitete. 

Denn in doppelter Hinsicht war ich da, wo auch er gewesen war: auf dem oft zu hoch gemähten Rasen am Nordende des kleinen Ortes mit dem weit unterklassig in Weiß und Schwarz spielenden Verein, eingeschlossen von hochragendem, spätestens von dort schnell ins Hochalpine sich bizarr türmenden Kalk, der vom Föhn rissig und brüchig gehalten wird; und eben auch da, wo der Adoleszente Entscheidungen für sein Leben unbewußt oder nicht ganz bewußt im samstäglichen Spiel trifft so oder so vom Anfang und nicht vom Ende her gedacht, bereit, jeden Zufall geflissentlich schicksalhaft zu deuten. 

"Das war sehr wahrscheinlich Zufall": Botteron hält das heute lächelnd der Tatsache entgegen, daß er im Uefa-Pokal-Wettbewerb mit dem 1. FC Köln im Oktober 1980 den FC Barcelona auswärts 4:0 und dann im März 1981 im heimischen Müngersdorfer Stadion Standard Lüttich 3:2 besiegt hat, um schließlich Jahre später, am 12. Mai 1982, mit eben jenem Standard Lüttich gegen den nämlichen FC Barcelona im europäischen Pokalfinale der Pokalsieger zu stehen. "Das war so, das ist richtig. Ein Zufall." Botteron beeilt sich hinzuzufügen: "Ich verfolge den Fußball nur noch durch die Medien, bin dabei sehr sachlich. Das war ich auch während meiner aktiven Zeit. Mir ist es egal, wer Meister wird. Ich schaue einfach gern guten Fußball." 

Mit seinem weißen Porsche fuhr er dann und wann zum Glarner Fußballplatz, Ende der siebziger Jahre, der flinke Mittelfeldspieler, der nie auf den Ball blickte. Mit verschränkten Armen stand er zwischen Freunden unter dem bewölkten Frühlingshimmel, Sonntag nachmittag. Sie fragten, der Professional redete, wenig, wie es seine höfliche Art ist. 

Vom FC Zürich wechselte Botteron zur Saison 1980/81 zum 1. FC Köln. Auf Anhieb gehörte er zur Stammelf. In der zweiten Saison aber setzte ihn Rinus Michels nicht mehr ein, mit Woodcock, Klaus Fischer, Klaus Allofs, Littbarski vertraute er auf Offensivspieler, die im Unterschied zu René Botteron zum Tor hin drängten. Zu Weihnachten wurde Botteron für, wie sich zeigen sollte, sechs Monate, an Standard Lüttich in die traditionelle Partnerstadt Kölns ausgeliehen. "Nach dem ersten Jahr dort baten mich die Kölner, den Vertrag mit ihnen freiwillig aufzulösen. Ich willigte ein. Wenn das ihr Wunsch ist, sagte ich damals. Heute würde ich einen solchen Vertrag nicht freiwillig zurückgeben. Aber was passiert ist, ist passiert. Man kann es ja nicht rückgängig machen." 

Mit 19 Nationalspieler, war er inzwischen 27: Wenige Tage, bevor es nach Barcelona zum Endspiel ging, hatte er mit seinem graziösen, sozusagen kalkweichen, durch unbeirrte Genußfähigkeit zu Schönheit erodierten Spiel im ersten Verein der einstigen Bergbaustadt die belgische Landesmeisterschaft errungen. In System, Taktik und Stil von Standard verbanden sich denn auch diese terrestrische, buchstäblich nur bis zum Ende des Tages reichende Referenz mit Experimentiergeist. Die Verteidiger spielten auf einer Linie, Libero Gerets gab im Augenblick vor dem gegnerischen vertikalen Zuspiel das Kommando, zwei Schritte vorzugehen, womit der Gegner, dutzendfach in einer Partie, ins Abseits zu stehen kam. Wie haben wir uns darüber geärgert, einen Monat später dann auch am "Mundial": die belgische Abseitsfalle. 

Botteron neigte ihr nicht zu. "Die Abseitsfalle ist nicht gut für den Fußball. Ich war nie ihr Freund. Außerdem verlangt man dabei vom Schiedsrichter und seinen Assistenten zu viel. Selbst vor dem Fernsehen ist es ja oft schwierig, eine Abseitsstellung zu erkennen. Eine Mannschaft, die sich auf die Abseitsfalle verläßt, möchte damit ihre Schwäche verdecken."

Der FC Barcelona hatte Ende der siebziger Jahre aus Selbstverpflichtung zum Eigenen und zum Schönen einen in vielerlei Hinsicht verfeinerten Fußball gespielt; gleichwohl übernahm er in der Folge das enge Verhältnis zum Rigorosen zum Sieg um jeden Preis, vorweg um den des Spiels , das etwa Real Madrid zu jener Zeit noch hatte. Dieser Utilitarismus, den das freie Spanien nun wieder zaghaft im Wirtschaftlichen ausprobierte und der aus der schwarzen Zeit der Diktatur herangeweht wurde, schien bei der Entscheidung für einen Trainer nur den projizierten Deutschen zuzulassen: Udo Lattek.

Inzwischen gilt Lattek in Barcelona als glückloser Trainer; seine starke Hand hatte er von der sicher geglaubten spanischen Meisterschaft 1981/82 zaghaft abgezogen - nach sechs Niederlagen in den letzten sechs Spielen. Das Finale gegen Standard im Nou-Camp-Stadion bot ihm die Möglichkeit, das vergessen zu machen. Er wollte sicher gehen und ließ der erwarteten Härte der Belgier die eigene entgegensetzen, die er Tage davor lauttönend angekündigt hatte. 

Das Spiel am 12. mai 1982 war somit, zwischen Abseitsfalle und Foulspiel, keines. Es hatte, erratisch, ohne den verletzten Schuster, ohne Victor und Estalla, dafür mit "Tarzan" Migueli, weder Rhythmus noch Fluß. Die drei Tore wurden bezeichnender Weise nach überraschenden, schnell ausgeführten Freistößen erzielt. Barça gewann 2:1. 

Mit 90’000 Zuschauern war das Stadion nicht ausverkauft, die Eintrittspreise zu hoch. Lüttich ging sehr schnell durch Vandersmissen in Führung, kurz nach der Halbzeit glich der Däne Simonsen mit einem Kopfball aus. Der große Torjäger Quini entschied das ausgelöschte Spiel nach etwas über einer Stunde mit einem Schuß aus kurzer Distanz. "Le Monde" schrieb: "Cette parodie de football"; "El Pais": "Das Spielniveau Barças war ungenügend. In der Verteidigung hatte die Mannschaft eine ausgesprochene Tendenz zum Foulspiel." Die NZZ berichtete, das Spiel sei "von eher enttäuschendem Niveau" gewesen, die Spanier "die um dieses eine Tor stärkere Equipe"; "Botteron kam nach der Pause mit rushartigen Vorstößen auf der rechten Seite besser zur Geltung." 

"Wir gingen in Führung, das weiß ich noch, haben letztlich 2:1 verloren. Ich habe keine Erinnerung mehr an die Härte. Wir haben verloren. Das bleibt."

Das ausgelöschte Spiel fand seine innere Entsprechung im dritten Tor, Quinis Treffer zum Sieg. Es ereignete sich schnell und traf Mitspieler, Gegenspieler, Zuschauer und Kameraleute gleichermaßen unerwartet: nur wenige haben das entscheidende Tor gesehen. In dieser Zeitung war zu lesen: "... indem Simonsen einen Freistoß schnell ausführte und damit die belgische Abwehr düpierte. Blitzschnell nahm Quini die Gelegenheit wahr, erreichte den über die Verteidiger gehobenen Ball und ließ Preud’homme keine Abwehrmöglichkeit." 

"Das weiß ich gar nicht mehr. Ich habe keins der Tore in Erinnerung. Damals waren Videorekorder nicht sehr verbreitet. Wir hatten keinen." Ein Tor, das kaum jemand gesehen hat: als der FC Barcelona 1999 Botteron war da längst Bankangestellter in der Nähe von Basel sein hundertjähriges Bestehen feierte, rief er dazu auf, Fotos und Filme, die in den vergangenen Jahrzehnten im Nou Camp angefertigt wurden, dem Verein zur Verfügung zu stellen. Auf diese Weise gelang es, manches Spiel, das nicht vom Fernsehen aufgenommen wurde, vollständig zu rekonstruieren. Das entscheidende Tor zum Sieg im europäischen Pokalsieger-Wettbewerb 1981/82 kam nicht zum Vorschein.

 

Der Text über den Glarner Fußball-Nationalspieler René Botteron ist in der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag erschienen (12. Mai 2002) sowie in der spanischen Zeitung El País. 

 

 

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