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Heimliche Reise
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in der vergangenen Nacht hatte ihm wieder jener Traum
zugesetzt, den zu vergegenwärtigen ihm nun, da er mit dem Schiff aus Zürich
anlandete, nicht mehr gelingen wollte. Dabei hatte er sich doch
vorgenommen, auf der Reise nach Glarus, wo er, töricht, wie es klingen
mochte, Gewissheit über seinen Glauben erlangen wollte, sich endlich des
Traums vom ohrfeigenden Erasmus zu entledigen. In seinem Glauben gestärkt, würde er Glarus anschliessend erneut verlassen, aufgeräumt, mehr noch hochgestimmt, ganz so, wie er einst, als Jüngling, dem elterlichen Steinacker in Mollis den Rücken gekehrt hatte, um nach Bern, dann nach Rottweil, später nach Köln, nach Basel, schliesslich nach Paris zu ziehen, Griechisch, Latein und doch vor allem im Sinn, der Welt ins Auge zu schauen wie einst der Heilige Georg dem Ungeheuer. Im
Gebet rief er Georg nicht mehr oft an, er wusste längst, wie man ihm
mimetisch nahekommt, ihn imitiert – standhaft oder doch nur
unverbesserlich, furchtlos oder eher seine Schwächen sorgsam verbergend
–, und wollte sich ein neues Vorbild suchen, wieder einen Heiligen,
besser einen Gelehrten, von dem er doch auch abschauen konnte, wie man in
den Universitäten sein Fortkommen sichert. In Glarus würde er seinen Meister nicht finden, dachte er, obwohl er mitnichten deswegen angereist war – das Bedürfnis, von den Besten zu lernen, verlor seine Dringlichkeit auch jetzt nicht. Er bestieg den Wagen, der ihn durch den Morast der Linthebene fuhr. Kurz vor seinem Geburtsort schob er den Vorhang vor. Nicht auszudenken, wenn ihn Freunde, seine Geschwister hier sehen würden. Sie wähnten ihn in Paris, wo er vor einem Jahr ein kurzes Schreiben an sie aufgegeben hatte, ein Lebenszeichen. Aus
Paris stammte auch das nach seinem Wunsch in Ziegenleder gebundene Buch,
in dem er gerade blätterte. Er hatte die Schrift von Studenten einer
benachbarten Burse kopieren, dann in der Nähe der Universität binden und
auf seinen Namen golden prägen lassen. Thomas
Morus kannte er bislang nur im Zusammenhang mit Erasmus von Rotterdam, dem
er, eben auf der Suche nach einem gelehrten Vorbild, wie sonst keinem
schmeicheln wollte. Der
vergötterte Erasmus hatte Morus schon vor acht Jahren eine Lehrrede
gewidmet. Was
diesem Morus gelungen war, würde auch ihm gelingen, dachte er, den
schweren Geruch von Erde und Wasser, den vertrauten Geruch der Heimat in
der Nase. "De
optimo statu rei publicae deque nova insula Utopia": Morus ist verrück,
dachte er, während er Am Spielhof aus dem Wagen sprang. Ohne sich
umzublicken, schritt er in Richtung der Kirche. Je
länger er sich mit Morus beschäftigte – und er gab sich redlich Mühe,
dabei nur den Autor, nicht den Protegé von Erasmus zu sehen –, desto
weniger verstand er, was diesen Briten antrieb und was der eigentlich
beabsichtigte. Handelte
es sich bei der Schrift um Ironie, um eine sonstige Art der Überzeichnung?
Was war das denn für eine Utopie, in der privater Besitz verboten und ein
jeder zu Arbeit verpflichtet war – eine protestantische, eine
humanistische? Er
nahm sich vor, eines Tages eine Beschreibung nicht nur Britanniens,
sondern der ganzen Welt anzufertigen, eine ernste, wissenschaftliche,
keine poetische. Nach
der Dichterkrönung durch Kaiser Maximilian I. brauche er seine poetische
Kraft nicht weiter unter Beweis zu stellen, sagte er sich. Künstlerisches
wollte er fortan vor allem in der Musik erbringen. Nur darin würde er,
wie er wusste, reine Imitationsleistungen überwinden können. Die
Noten für einige Motteten von Josquin Desprez hatte er unter den
Buchdeckel gelegt. Er wollte sie Zwingli überlassen, den er in der Kirche
vermutete. Zuletzt
hatte Zwingli ihm vor bald zwei Jahren geschrieben, ausführlich aus den
Feldzügen der Glarner, denen er in der Lombardei beigestanden war. Dass
sein Freund Zwingli seit ein paar Monaten im Zürcher Grossmünster
wirkte, wusste er nicht. Zwingli
mochte er diesmal ohnehin nicht begegnen. Er würde trotzdem einen Weg
finden, ihm die Noten zu überbringen, dachte er. Er hatte sich eine alte
Joppe übergezogen, ein schwarzes Barett aufgesetzt, das allerdings nicht
annähernd so ausladend war wie in Paris und Köln üblich. Er
verabscheute diese Kopfbedeckung. Bei
der Kirche angekommen, hob er den Rand des Baretts mit dem Finger und
blickte zum Tor. Erst
jetzt fiel ihm der hohe, nahe Fels des Glärnisch auf, den er doch im
Ausland zu vermissen glaubte. Schnell
schaute er wieder auf den lehmigen Grund. Ihm
fiel ein, dass Morus, der von Erasmus Geohrfeigte, in seinem Traum ein ähnliches
Barett trug. Das Barett hatte sich in der Luft gedreht, ein oder zwei Mal,
bevor es auf den gefliesten Boden fiel. Erasmus
war in der beendeten Bewegung erstarrt, hielt die flache Hand, die etwas
schmerzte, vor die Brust. Dass
er diesen Traum jetzt erinnerte, da er die Noten rollte und nach einem
Spalt im Gemäuer der Kirche suchte, schien ihm merkwürdig. Er
bekreuzigte sich. Er
glaubte, einen geeigneten Spalt entdeckt zu haben, kauerte, spähte
hindurch. Einen
Augenblick lang kam er sich dabei wie Georg vor, der dem Ungeheuer in den
Rachen schaut. In
der Kirche war niemand zu sehen. Als
er wieder aufstehen wollte, bemerkte er zwei lederne Stiefel neben sich. Er
schaute hoch. Aus
dem Augenwinkel sah er, wie die flache Hand heranflog.
Der Text über den Glarner Gelehrten Glarean (alias Heinrich Loriti, 1488-1563) wurde verfaßt für den Leseabend "Hutgeschichten", Freulerpalast, Näfels (GL), vom 22. Oktober 2004. Er erschien 2008 im Buch "Hutgeschichten".
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Glaronensia
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