Brief aus Poitiers, Frankreich

 

 

Eine Lesung aus den französischen Ausgaben meiner Bücher führt mich zum Festival von Poitiers, anderthalb Zugstunden südwestlich von Paris und fast ebenso weit entfernt vom Atlantik, eine Stadt, die für uns Glarner auf andere als geographische Weise nahe liegt. Hilarius, der Schutzheilige von Näfels, wurde nicht im Glarner Unterland begraben, sondern 367 in Poitiers, wo ihn die Einwohner zu ihrem ersten Bischof gewählt hatten. 

Ich betrete die nach ihm benannte, tausend Jahre alte Kirche im verwinkelten Stadtzentrum: eine große, helle Kirche, das Seitenschiff ausgeweitet auf die Breite des Querschiffs, zwischen Chor, Altar und Gestühl dreimal meterhoch abgestuft, vor allem deswegen, weil das Terrain abschüssig ist.  

Nachdem die Kirche im 12. Jh. neue Steinmauern bekommen hatte, war ihr Glockenturm während der reformatorischen Kämpfe niedergebrannt. Kurz nach der französischen Revolution war die Kirche, die als Staatsgut galt, verkauft worden und hatte anschließend als Steinlieferant gedient. Seither wurde sie mehrmals erneuert. 

Die Kirche wirkt auf mich aufgeräumt, massiv, wenig verfeinert. In ein paar Tagen, verkündet das grüne Plakat an der Wand, soll über das Schicksal der Kirche bei einer öffentlichen Versammlung geredet werden. Bis heute feiert man in der Kirche Saint-Hilaire Gottesdienst. 

Ich werfe ein paar Münzern in die Kasse vor der Figur des Hl. Antonius. Einige Schritte entfernt entdecke ich einen Sarkophagdeckel, Marmor aus den Pyrenäen, mit christlichen Darstellungen des bäurischen Lebens geschmückt. Auch Marmor ist ein Kalkstein, mit dem Wiggis und dem Fronalpstock verwandt, sage ich mir. 

Der Sarkophag des Hl. Hilarius wurde 1762 an dieser Stelle entdeckt. Die Kirche war einst auf dem Gelände eines gallisch-römischen Friedhofs errichtet worden. 

Weiter vorn, unter dem Altar, gelange ich zu einem schwarzen Gitter, das einen dunklen Raum zum Gestühl hin abschließt. Im Innern ist gerade noch der Reliquienschrein zu erkennen. Worum es sich bei der Reliquie handelt, ist nicht ersichtlich. Die armgroße goldene Statuette des Hl. Hilarius leuchtet matt im Restlicht. 

Hilarius, Patron der schwächlichen Kinder und gegen Schlangenbiss, sitzt auf einem Sessel, die Armlehnen enden in goldenen Löwenköpfen. In der Rechten der Bischofstab, drückt er mit der Linken das Evangelium gegen Brust und Bauch. Den Kopf hält Hilarius leicht nach rechts geneigt. Sein Bart verdeckt den Kragen.

Eine Kapelle erinnerte in Näfels an die Schlacht gegen die Habsburger. Sie wurde abgerissen und durch die Kirche ersetzt, die Wilhelm Joseph Leopold von Baden, Generalvikar von Konstanz, am 16. Juli 1781 weihte, zu Ehren der heiligen Jungfrau Maria, unseres Kantonspatrons Fridolin und des Hl. Hilarius.

Hilarius war zwar in der Welt herumgekommen, doch am liebsten hielt er sich in Poitiers auf. Nachdem Kaiser Konstantinus ihn 356 nach Phrygien verbannt hatte, verfaßte Hilarius dort seine zwölfbändige Schrift „Von der Dreieinigkeit“. In Zeiten, da die Kirche sich anschickte, den Sohn Gottes nicht länger als Gott selbst zu betrachten, kämpfte Hilarius für die weitere Anerkennung der Dreieinigkeit.

Ich blicke wieder in den kleinen Raum. Meine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. Nun kann ich erkennen, daß die Glasscheiben des Reliquienschreins wiederscheinen. Ich verändere den Blickwinkel. So lange ich auch hinsehe, es gelingt mir nicht zu unterscheiden, was dort auf dem roten Samtkisten liegt.

 

 

Erschienen unter dem von der Redaktion gewählten Titel "Wo Sankt Hilarus begraben wurde" in der "Südostschweiz", Ausgabe Glarus, 25. Oktober 2004.

 

 

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