Vom Bürsten gegen den Strich

Glarus und die Schweiz

 

Die grossen Errungenschaften des Glarnerlandes sind schnell aufgezählt. Und ohne sie schmälern oder mindern zu wollen: Sie liegen auch schon ziemlich lange zurück. Das erste Arbeitszeitgesetz der Welt (1846), durch die damals aufstrebende Textilindustrie ermöglicht – das sind bereits zwei von vielleicht einer Handvoll historischer Grosstaten, die wahlweise für den touristischen und den Eigenbedarf, in Sonntagsreden und Schulbüchern, beschworen werden. Auch an dieser Stelle sei nicht verschwiegen, dass die Glarner 1388 auf eigenem Grund die Habsburger zurückgeschlagen und ab 1799 von den napoleonischen Truppen den Blätterteig abgeschaut und neu interpretiert haben. Die Glarnerpastete hat ihren Weg in die Kulinaria der Schweiz längst zurückgelegt – zurecht, sie ist in Unter-, Mittel- und Hinterländer Variante variationslos köstlich.

Folter und Willkür der Macht gab es auch im Glarnerland, das schreckliche Schicksal der unschuldigen Magd Anna Göldi – Enthauptung 1782 in Glarus – spricht Bände. Auf Zeiten der Prosperität folgten Hungersnot und Auswanderung. Die Kartoffel wuchs im Glarnerland nicht; die Kinder wurden – etwa nach Zürich – weggegeben. In der neuen Welt, im amerikanischen Wisconsin, zählt der 1845 gegründet Ort New Glarus inzwischen ein Vielfaches der heutigen Glarner Bevölkerung.

Von der wechselhaften Vergangenheit liesse sich noch lange reden. Was aber ist Glarus heute? Und welcher Art der allgemeine Glarner Bezug zur Schweiz?

Was im Glarnerland der Gegenwart im Kontrast etwa zu den Siebzigerjahren auffällt, sind die Veränderungen in den Dorfkernen und, was den Hauptort Glarus anbelangt, in dessen Stadtbild. Als Kind schritt ich auf den breiten Gehsteigen der Hauptstrasse an den Auslagen von Herrenausstatter, Hutladen, Apotheke, Tabakwarenladen vorbei zur Schule. Heute kommen einem Souvenirshop und Touristeninformation unter, bei verringerter Zahl der Fachgeschäfte.

Handel und Gewerbe haben sich an die schrumpfende Glarner Bevölkerungszahl angepasst – und umgekehrt. Trotzdem überkommt einen in Glarus kein Gefühl des Mangels, der etwa aus der Ahnung einer früheren Blüte herrührte: Ganz und gar gegen den Strich hin zur Metropole gebürstet, wie die Ortschaften zum Beispiel entlang der A3, erscheint einem die Gegend an der Linth nicht. Glarus gehört zu keiner Agglomeration, ist sich selbst ein Zentrum, wiewohl ein kleines und ohne nennenswerte Anziehungskraft auf Auswärtige.

Von einem selbstgenügsamen Biotop liesse sich auch angesichts der besonderen geografischen Lage sprechen – das Glarnerland besteht aus Tälern, ist umgürtet mit hochalpiner Verve, im Winter eine Sackgasse –, bestünde im Glarner Souverän nicht jener zukunftsgerichtete Blick, der zuletzt an der Landsgemeinde 2006 die Verringerung der Anzahl politischer Gemeinden von 26 auf drei hervorbrachte. Die Reaktion auf diesen Entscheid gestaltete sich in der Schweiz gross und positiv – letzteres auch in Bezug auf das Glarnerland selbst, das in den Medien des Landes nach langer Zeit wieder als fortschrittlich und entschlossen geschildert wurde.

Wenn die Landsgemeinde in der Zentren der Schweiz gemeinhin als antiquiert betrachtet wird, dann geschieht das aus Unkenntnis. Auch ich war 2006 auf dem Ring. Als Redner in jenem Geschäft traten etwa die Präsidenten jener Gemeinden auf, die vorab hätten fusioniert werden sollen. Sie spielten auf Zeit, wollten das Glarner Stimmvolk erneut vertrösten auf die Zeit nach den ach so wichtigen Kommissionssitzungen, die bis dahin kaum Ergebnisse gezeitigt hatten. Ein sehr junger Bürger bat darauf um das Wort und schlug die Reduktion auf drei Gemeinden vor – statt der neun bis elf, die eigentlich im Gespräch waren. Sein Antrag wurde nach mehreren Anläufen des Auszählens angenommen.

Solche direkt-demokratischen Umschwünge sind ein Erlebnis – und sie entpuppen sich im Nachhinein in aller Regel auch nicht als Schnellschüsse. Im Gegenteil überrascht auf dem Ring die Nüchternheit und in aller Regel die Intoleranz gegenüber jeder politischen Intoleranz. Sie sind geeignet, den Glauben an den Souverän zu stärken – falls er denn Schaden genommen haben sollte in den vergangenen Jahren der politischen Polarisierung in der Schweiz.

Die Frage nach dem heutigen Glarus und seinem Bezug zur Schweiz liesse sich mit dem Fehlen einer allzu starken Ausrichtung auf ein auswärtiges Zentrum, der politischen Sinnstiftung durch die Landsgemeinde sowie deren mitunter zukunftsweisenden Resultate beantworten.

Doch was die Menschen mit dem Glarnerland im Alltag verbindet – zumal jene, die abgewandert sind –, ist eine Art Körpergedächtnis; die aus Kindheit und Jugend fortdauernde Naturerfahrung. In den Worten einer heute in Zürich lebenden Glarner Journalistin: «Das Glarnerland ist ein riesiges Vogelnest. Manche Glarner wagen bloss den Blick vom Nestrand aus in die Welt, manche unternehmen den Schritt.» Die schroffe Schönheit der Bergwelt bleibt als verborgene Tatsache so oder so in den Glarnern erhalten.

 

 

Der Text erschien im Ostschweizer Kulturmagazin Saiten, St. Gallen, Nr. 171, Sonderheft Glarus, September 2008. 

 

 

 

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